Gleitsicht Simulator
Die Brillenmacher Wallstadt – Simulation optischer Abbildungsfehler
Glaswerte (Rezept)
Höhere Addition verengt den Kanal und erhöht die Wölbung im Lesebereich.
Sitzparameter (PoW)
Beeinflusst vertikale Zentrierung.
Verursacht Prismenfehler & Kanalversatz.
Wenn Sie sich im Internet über Gleitsichtgläser informieren, sehen Sie oft Bilder von glücklichen Menschen, die durch kristallklare Gläser schauen, als gäbe es keine physikalischen Grenzen. Die Realität sieht oft anders aus. Physik lässt sich nicht austricksen, aber sie lässt sich beherrschen – wenn man weiß, wie.
Wir haben einen Gleitsicht-Simulator entwickelt, der anders ist. Er soll Ihnen nicht das „Blaue vom Himmel“ versprechen, sondern Ihnen zeigen, was passiert, wenn Optik auf Realität trifft. In diesem Artikel erkläre ich Ihnen im Detail, wie Sie diesen Simulator lesen, was die Regler bedeuten und warum der Sitz Ihrer Brille über „Sekt oder Selters“ entscheidet.
1. Der HSA-Regler: Der Schlüsselloch-Effekt
Einer der wichtigsten Regler in unserem Simulator ist der HSA (Hornhautscheitelabstand). Das klingt technisch, ist aber genau das, was Sie spüren, wenn die Brille auf der Nase sitzt: Der Abstand vom Brillenglas zu Ihrem Auge.
Warum „näher“ fast immer „besser“ ist
Stellen Sie sich vor, Sie schauen durch ein Schlüsselloch in einen Raum:- Stehen Sie weit weg vom Schlüsselloch, sehen Sie nur einen winzigen Ausschnitt des Raumes.
- Gehen Sie mit dem Auge ganz nah ran, überblicken Sie fast das gesamte Zimmer.
Genau das passiert bei einer Gleitsichtbrille. Das Brillenglas ist Ihr Schlüsselloch.
- HSA verringern (Brille näher ans Auge): Die nutzbaren, scharfen Sehbereiche werden breiter. Das „Schlüsselloch“ rückt näher.
- HSA erhöhen (Brille rutscht auf die Nasenspitze): Die unscharfen Randbereiche rücken subjektiv ins Bild, das Gesichtsfeld wird enger.
Das Problem mit dem Standard
Jetzt kommt der Haken: Ein Standard-Gleitsichtglas (also eines, das nicht individuell gefertigt ist) „glaubt“, es würde in einem perfekten Abstand vor Ihrem Auge sitzen. In der Regel wird hier mit einem HSA von ca. 12 mm gerechnet.Sitzt Ihre Brille aber anatomisch bedingt bei 14 mm oder 16 mm, und Sie haben ein Standardglas gewählt, dann verlieren Sie massiv an Sehbereich. Ein individualisiertes Glas hingegen rechnet diesen „Fehler“ heraus. Es „weiß“, dass es weiter weg sitzt, und optimiert die Durchblickspunkte so, dass Sie trotz des größeren Abstandes das bestmögliche Sehfeld erhalten.
Merke: Der Simulator zeigt Ihnen deutlich: Wenn der Sitz nicht stimmt (HSA zu groß) und das Glas nicht individualisiert ist, verengen sich die Kanäle drastisch.

2. Die „Heilige Dreifaltigkeit“ der Standardwerte
Um zu verstehen, warum manche Gleitsichtbrillen in der Praxis nicht funktionieren, müssen wir uns ansehen, worauf ein herkömmliches Glas „blind“ optimiert ist. Wenn wir keine individuellen Parameter messen (was wir in Wallstadt natürlich tun), geht der Glashersteller von einem Durchschnittsmenschen aus (“Normkopf”):
- HSA (Abstand): 12 mm
- Vorneigung: 8 Grad (wie schräg die Brille vor dem Gesicht steht)
- Fassungsscheibenwinkel: 5 Grad (wie stark die Brille gebogen ist)
Trifft Ihr Gesicht und Ihre gewählte Fassung exakt diese Werte? Glückwunsch, ein Standardglas könnte sehr gut funktionieren. Aber weicht Ihre Fassung ab – ist sie z.B. stärker gebogen (Sportbrille) oder sitzt sie aufgrund Ihrer Nasenwurzel näher oder ferner – dann werden die scharfen Bereiche kleiner, weil die scharfen Bereiche nicht nicht genau dort sitzen wo Ihre Augen hinschauen.
Der Simulator erlaubt es Ihnen, diese Parameter zu verschieben, um zu sehen, wie sensibel die Optik auf einen „falschen Sitz“ reagiert.
3. Die Addition: Warum der PC-Bereich verschwindet
Ein weiterer entscheidender Regler ist die Addition (Add). Das ist der Lesezusatz, den Sie benötigen. Je älter wir werden, desto höher wird dieser Wert in der Regel.
Viele Kunden sind schockiert, wenn sie im Simulator den Regler auf +2.50 dpt oder +3.00 dpt schieben. Was passiert dann?
- Der Fernbereich bleibt relativ stabil.
- Aber der Zwischenbereich (Progressionszone), den Sie z.B. für das Armaturenbrett im Auto oder den PC-Monitor brauchen, schnürt sich extrem zusammen.
- Bei +3.00 dpt verschwindet der PC-Bereich praktisch fast ganz.
Das ist kein Fehler, das ist Physik
Dies ist kein Fehler des Simulators – das ist physikalische Realität (Satz von Minkwitz). Je mehr Brechkraft wir auf kurzer Strecke (von Fern zu Nah) aufbauen müssen, desto stärker werden die physikalisch bedingten Unschärfen an den Rändern. Das Glas wird zum „Sanduhr-Design“.In vielen Broschüren wird Ihnen suggeriert, Sie hätten auch mit hohen Stärken Panoramasicht. Unser Simulator zeigt Ihnen ehrlich: Ab einem gewissen Add-Wert brauchen Sie für den PC keine „bessere“ Gleitsichtbrille, sondern eine reine Bildschirmarbeitsplatzbrille, weil der Kanal in der Gleitsichtbrille rein physikalisch nicht mehr breit genug sein kann.
Wenn der Tränenfilm nicht optimal ist, kann das die scharfen Bereiche einer Gleitsichtbrille zusätzlich einengen. In manchen Fällen entstehen dadurch sogar Bereiche, in denen man gar nicht richtig scharf sieht. Dieser Effekt tritt häufiger auf, wenn der Nahzusatz höher ist – also meist im späteren Alter –, weil der Tränenfilm mit den Jahren an Stabilität verliert.
Sollten Sie mit Ihrer Gleitsichtbrille deutlich breitere scharfe Zonen wahrnehmen, ist das natürlich erfreulich. Realistisch ist es jedoch nicht immer, besonders dann, wenn der ADD-Wert über +2,00 liegt und gleichzeitig eine hohe Sehleistung erwartet wird. Hier sind die optischen Spielräume konstruktionsbedingt enger.
4. Der „Marketing-Filter“ vs. Realität (Trockenes Auge)
Wir haben in unserem Simulator einen Schalter eingebaut, der den „Marketing-Filter“ deaktiviert und ein realistisches Bild zeichnet. Warum?
Weil die Marketingmaterialien der Hersteller einfach nicht stimmen und zu weit von der Realität entfernt sind. Zudem sind gezeigte Berechnungen nicht nur viel zu stark von dem Marketingfilter “optimiert”. Hersteller zeigen natürlich auch nur die optimalen Fälle in Bezug auf die scharfen Bereiche. Diese entstehen, wenn bei ihrem Auge ein perfekter Tränenfilm in Kombination mit einer perfekten Hornhautgeometrie zusammenkommt.
Worst-Case-Betrachtung.
Diese ist aber für viele Alltagssituationen (abends, müde Augen, Klimaanlage) realistischer als die Hochglanzprospekte der Industrie. Wir zeigen Ihnen lieber eine konservative, ehrliche Darstellung. Wenn Sie dann in der Realität – weil Ihr Tränenfilm tagesformabhängig gut ist – etwas mehr sehen, werden Sie positiv überrascht sein. Andersherum wäre die Enttäuschung vorprogrammiert.
Fazit: Die Lösung liegt in der Individualisierung
Dieser Simulator soll Sie nicht abschrecken, sondern aufklären. Er zeigt auf, dass eine Gleitsichtbrille Optionen hat, die aber nicht bei jedem Gleitsichtangebot vorhanden sind.
Was lernen wir daraus für Ihre nächste Brille?
- Der Sitz ist alles: Wir müssen die Brille so anpassen, dass sie perfekt sitzt (HSA optimieren), bevor wir messen.
- Individualität ist kein Luxus: Wenn Ihre Werte von der Norm (12mm / 8° / 5°) abweichen, muss das Glas individualisiert gerechnet werden, sonst verschenken Sie Größe bei den scharfen Bereichen.
- Realistische Erwartungen: Bei hohen Stärken ist die Physik limitierend. Wir beraten Sie, ob eine Gleitsichtbrille für den PC noch reicht oder ob Sie eine Zusatzlösung brauchen.
Probieren Sie den Simulator oben aus. Spielen Sie mit dem Abstand und der Addition. Und dann kommen Sie zu uns nach Wallstadt. Wir sorgen dafür, dass wir aus den physikalischen Gegebenheiten das Optimum für Ihre Augen herausholen.
Ihr Michael Penczek
Die brillenmacher Wallstadt – Spezialist für Gleitsicht

