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Unscharfe Sicht trotz optimaler Korrektur – ein unterschätztes Phänomen
„Lieber Optiker, ich sehe doch 100 % – warum fühlt sich das Sehen trotzdem nicht richtig scharf an?“
Diesen Satz hören wir in unserer täglichen Praxis öfter. Und manchmal steht im Sehtest sogar die 120 % Sehleistung (Visus). Rein formal ist also alles „perfekt“. Trotzdem berichten Betroffene von Halos um Lichtquellen, von schlechter Nachtsicht, von flauen Kontrasten oder einem diffusen, unruhigen Bildeindruck.
Hier wird ein entscheidender Unterschied sichtbar: Sehschärfe ist nicht gleich Sehqualität.
Die klassische Sehschärfe misst nur, ob Sie kleine Details erkennen können. Sie sagt nichts darüber aus, wie ruhig, kontrastreich oder klar das Bild wirkt. Und genau hier kommen sogenannte Aberrationen ins Spiel – also optische Abbildungsfehler des Auges.
Was sind Aberrationen – ganz einfach erklärt?
Stellen Sie sich Ihr Auge wie eine Kamera vor. Im Idealfall werden alle Lichtstrahlen exakt in einem Punkt auf der Netzhaut gebündelt. Dann entsteht ein klares, kontrastreiches Bild.

Bei Aberrationen passiert etwas anderes: Die Lichtstrahlen treffen nicht exakt gemeinsam in einem Punkt ein. Manche werden etwas stärker, andere etwas schwächer gebrochen. Das Resultat ist kein scharf definierter Fokus, sondern ein minimal „verschmierter“ Lichtfleck.

In der optischen Theorie beschreibt man das als Abweichung der Lichtwellenfront. Diese Abweichung lässt sich mathematisch über sogenannte transversale Strahlenfehler erklären . Doch in der Praxis merken Sie es schlicht so: Das Bild ist zwar erkennbar – aber nicht brillant.
Und das Entscheidende: Diese Fehler können bestehen, obwohl die gemessene Dioptrienstärke korrekt ist.
Das normale Auge – und warum die Pupille alles verändert
Ein gesundes Auge besitzt eine relativ gleichmäßig gewölbte Hornhaut und einen stabilen Tränenfilm. Solange die Pupille klein ist – etwa 2 bis 3 mm bei Tageslicht – wird nur der zentrale Bereich der Hornhaut genutzt. Dieser Bereich ist optisch meist am präzisesten geformt.
Deshalb sehen wir tagsüber oft klarer als nachts.

Sobald es dunkel wird, erweitert sich die Pupille auf 6, 7 oder sogar 8 mm. Nun werden auch die Randbereiche der Hornhaut zur Bildentstehung herangezogen. Diese Bereiche enthalten naturgemäß mehr Unregelmäßigkeiten. Dadurch nehmen Streulicht, Kontrastverlust und Halos zu.
Das erklärt, warum viele Menschen sagen:
„Tagsüber sehe ich super – aber nachts stört mich alles.“
Post-LASIK – wenn die Hornhaut bewusst verändert wurde
Nach einer LASIK-Behandlung wird die Hornhaut zentral abgeflacht. Das Ziel ist, Kurzsichtigkeit oder Weitsichtigkeit zu korrigieren. Zentral funktioniert das meist hervorragend.
Doch die Übergangszone zwischen behandeltem und unbehandeltem Bereich kann bei großer Pupille problematisch werden. Besonders nachts können ringförmige Lichtartefakte oder Halos auftreten.
Optisch betrachtet entsteht eine ungleichmäßige Lichtbrechung zwischen Zentrum und Peripherie. Die Wellenfront wird dadurch unruhig – ein Effekt, der sich bei großen Pupillen deutlich verstärkt.
Keratokonus – wenn die Hornhaut ihre Form verliert
Beim Keratokonus wölbt sich die Hornhaut kegelförmig nach vorne. Statt einer gleichmäßigen Oberfläche entsteht eine stark asymmetrische Struktur.
Das Licht wird dadurch nicht mehr sauber gebündelt, sondern in verschiedene Richtungen verzerrt. Es entstehen mehrere Brennpunkte statt eines klaren Fokus.
Typische Beschwerden sind Doppelbilder, verzogene Linien, starker Kontrastverlust oder extrem störende Lichtquellen.
Hier sprechen wir nicht von kleinen optischen Nebenwirkungen, sondern von erheblichen Abbildungsfehlern. Eine normale Brille kann diese Unregelmäßigkeiten nur begrenzt ausgleichen.
Das trockene Auge – die unterschätzte Ursache schwankender Sehqualität
Der Tränenfilm ist die erste optische Fläche des Auges. Er ist nur wenige Mikrometer dünn, aber entscheidend für klare Sicht.
Ist er instabil, entstehen mikroskopisch kleine Unebenheiten. Diese verändern sich ständig. Das Bild wirkt dadurch flackernd oder schwankend.
Viele Betroffene beschreiben es so:
„Mal sehe ich gut, mal ist alles leicht verschwommen.“
Hier liegt die Ursache nicht in der Dioptrienstärke, sondern in einer instabilen Oberfläche.
Unscharf sehen trotz vermeintlich optimaler Kontaktlinse – ein Praxisbeispiel
In diesem Fall geht es nicht um einen Vergleich zwischen Brille und Kontaktlinse, sondern um zwei unterschiedliche Kontaktlinsen-Designs.
Der Kunde war in seiner Brillenversorgung mit –34 Dioptrien korrigiert. Es handelt sich also um eine extrem hohe Kurzsichtigkeit. In der Kontaktlinsenversorgung klagte er jedoch trotz rechnerisch korrekt angepasster Stärke über ein unscharfes, verwaschenes Bild.
Subjektiv beschrieb er:
- geringere Klarheit
- vermehrte Lichtstreuung
- unscharfes Sehen bei größerer Pupille
- ein leicht „in die Nähe gezogenes“ Bild
Bei der Analyse zeigte sich ein entscheidender Unterschied im Linsendesign.
Die zunächst eingesetzte Kontaktlinse (rechts unten im Bild) verfügte über eine vergleichsweise kleineere optische Zone – also den Bereich der Linse, der tatsächlich die volle benötigte Korrektionsstärke enthält. Außerhalb dieser Zone beginnt eine Übergangsgeometrie mit veränderter Krümmung.

Solange die Pupille klein bleibt, wird ausschließlich dieser zentrale Bereich genutzt – das Sehen ist stabil. Wird die Pupille jedoch größer (zum Beispiel bei reduzierter Beleuchtung), fällt sie teilweise in die Übergangszone hinein.
Und genau hier entsteht das Problem:
- Lichtstrahlen werden unterschiedlich gebrochen
- es kommt zu erhöhter Streuung
- der Kontrast nimmt ab
- das Bild verliert an Schärfe
- bei hohen Minuswerten entsteht schneller ein „weichgezogener“ Bildeindruck
Bei sehr hohen Kurzsichtigkeiten wie –34 Dioptrien wirkt sich eine zu kleine optische Zone besonders stark aus, da die Randgeometrie bei starken Minuslinsen deutlich steiler verläuft.
In diesem konkreten Fall war es bei dem ursprünglichen Hersteller aufgrund der eingesetzten Fertigungstechnologie nicht möglich, die optische Zone ausreichend zu vergrößern. Das Design war konstruktionsbedingt limitiert.
Durch den Wechsel zu einem anderen Hersteller mit einer anderen Fertigungstechnik und einer modifizierten Linsengeometrie konnten wir eine deutlich größere optische Zone realisieren. Dadurch blieb auch bei größerer Pupille der vollständig korrigierende Bereich innerhalb des Pupillendurchmessers.
Das Ergebnis:
- deutlich reduzierte Lichtstreuung
- höherer Kontrast
- stabileres Bild
- subjektiv wieder „scharfes“ Sehen
Dieses Beispiel zeigt sehr eindrücklich:
Bei hohen Dioptrienwerten entscheidet nicht nur die Stärke einer Kontaktlinse – sondern maßgeblich ihre Geometrie, die Größe der optischen Zone und die Fertigungstechnologie.
Und genau deshalb lohnt sich eine differenzierte Analyse, wenn das Sehen trotz scheinbar korrekter Versorgung nicht zufriedenstellend ist.
Fuchs-Dystrophie – wenn die Hornhaut anschwillt
Bei der Fuchs-Dystrophie funktioniert die innere Zellschicht der Hornhaut nicht mehr optimal. Flüssigkeit sammelt sich im Gewebe, die Hornhaut schwillt an.
Diese Schwellung führt zu mikroskopischen Strukturveränderungen. Licht wird gestreut, Kontraste gehen verloren, das Bild wirkt milchig. Besonders morgens, wenn über Nacht mehr Flüssigkeit eingelagert wurde, sind die Beschwerden ausgeprägt.
Orthokeratologie – gezielte Umformung mit Nebenwirkungen
Bei der Orthokeratologie wird die Hornhaut nachts durch spezielle Linsen umgeformt. Zentral wird sie abgeflacht, peripher entsteht eine Übergangszone.
Tagsüber kann das Sehen bei kleiner Pupille sehr gut sein. Doch nachts, wenn die Pupille größer wird, fallen die Übergangszonen stärker ins Gewicht. Halos und Kontrastverlust können die Folge sein.
Warum Gleitsichtgläser zusätzliche Aberrationen erzeugen können
Progressive Gläser sind Meisterwerke der Optik. Sie enthalten verschiedene Zonen mit unterschiedlicher Stärke. Zwischen diesen Zonen befinden sich sogenannte Blending-Bereiche mit unvermeidbaren astigmatischen Nebenfehlern .
Diese sind konstruktionsbedingt und physikalisch notwendig. Sie ermöglichen den stufenlosen Übergang – bringen aber seitliche Verzerrungen mit sich.
Zusätzlich spielt die sogenannte Position of Wear eine große Rolle. Neigung, Abstand und Durchblickswinkel beeinflussen die effektive Abbildung erheblich .
Moderne Freeform-Gläser berücksichtigen diese Parameter deutlich präziser.
Sehschärfe ist nicht Sehqualität
Die klassische Visusmessung prüft nur Detailerkennung. Streulicht oder Kontrastverluste werden dabei nicht bewertet .
Das erklärt, warum jemand 120 % Visus erreichen kann – und trotzdem über schlechte Nachtfahrt oder mangelnde Bildruhe klagt.
Was kann man konkret tun?
Zunächst sollte analysiert werden, woher die Aberrationen stammen. Ist die Ursache die Hornhaut? Der Tränenfilm? Eine refraktive Operation? Die Brillenglasgeometrie?
Individuell optimierte Brillengläser mit exakter Berücksichtigung der Trageparameter können Fehler nur bedingt minimieren .
Bei unregelmäßigen Hornhäuten – etwa bei Keratokonus – sind formstabile Kontaktlinsen häufig deutlich überlegen. Sie überdecken die Hornhaut und erzeugen durch den Tränenfilm unter der Linse eine neue, gleichmäßige optische Oberfläche.
Noch effektiver sind Sklerallinsen. Sie ruhen auf der Lederhaut und bilden ein Flüssigkeitsreservoir über der Hornhaut. Dadurch werden massive Oberflächenunregelmäßigkeiten optisch neutralisiert .
Viele Betroffene berichten dann erstmals von einem ruhigen, kontrastreichen Sehen.
Der ophthalmologische Aberrationssimulator – Sehen verstehen
Moderne Simulationen erlauben es, unterschiedliche Augenmodelle visuell darzustellen: normales Auge, Post-LASIK, Keratokonus, Orthokeratologie, multifokale Systeme oder trockene Augen.
Links sieht man die Oberflächen-Topografie. Rechts den Strahlengang durch die Pupille.
Variiert man die Pupillengröße von 2 mm auf 8 mm, wird sofort sichtbar, wie stark sich die Bildqualität verändert.
Kleine Pupille: meist ruhiges Strahlenmuster.
Große Pupille: deutliche Verzerrungen – je nach Augenzustand sehr unterschiedlich.
So wird verständlich, warum Nachtsehen häufig problematisch ist.
Sehqualität & Hornhaut-Aberrationen
Simulation für Patienten-Aufklärung (Keratokonus, Ortho-K, Multifokal, Sicca & Fuchs)
Hornhaut-Topographie
Optischer Strahlengang
Warum wir uns Zeit nehmen – und warum das so wichtig ist
Vielleicht haben Sie sich in dem einen oder anderen Abschnitt wiedererkannt. Vielleicht kennen Sie das Gefühl, dass Ihr Sehen „irgendwie nicht ganz rund“ ist, obwohl die Werte eigentlich stimmen. Genau deshalb ist es so wichtig, sich ausreichend Zeit für eine präzise Problembeschreibung zu nehmen.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wie viele Dioptrien haben Sie?
Sondern vielmehr: Wo genau liegt das optische Muster Ihres Problems?
In unserer täglichen Arbeit schauen wir uns Ihre Augen deshalb immer unter dem Mikroskop an. Dabei beurteilen wir die Hornhautoberfläche, den Tränenfilm, mögliche Unregelmäßigkeiten und kleinste Veränderungen, die im normalen Sehtest gar nicht auffallen würden.
Zusätzlich vermessen wir die Augenoberfläche präzise, um typische Muster zu erkennen – so wie wir sie im obigen Beispielblock dargestellt haben. Jede Hornhaut hinterlässt gewissermaßen einen „optischen Fingerabdruck“. Und genau diesen analysieren wir, bevor wir über Brillengläser, Kontaktlinsen oder Speziallösungen sprechen.
Nur so können wir unterscheiden, ob es sich um:
- eine Aberration durch große Pupillen,
- eine post-operative Veränderung,
- eine instabile Tränenfilmsituation,
- beginnende Hornhautveränderungen,
- oder um eine glasbedingte Abbildungsproblematik handelt.
Diese Analyse braucht Zeit, Erfahrung und Sorgfalt – aber sie ist die Grundlage für wirklich zufriedenstellende Sehqualität.
Wenn Sie Fragen haben oder unsicher sind, ob Ihre Beschwerden in dieses Thema passen, melden Sie sich sehr gerne bei uns. Wir nehmen uns bewusst Zeit für Sie.
Wir würden Sie herzlichst um eine Terminvereinbarung bitten, damit wir Ihr individuelles Sehprofil in Ruhe analysieren können.
Herzliche Grüße
Das Team der Brillenmacher Wallstadt

